Der erste Atemzug

Das eigenständige Leben beginnt mit dem ersten Atemzug. Durch die Endorphine und Steroide, die während der Wehenaktivität vorhanden sind und durch den zunehmenden Prolaktinspiegel im Blut der Mutter werden die Lungen auf den Eintritt in die Atmosphäre vorbereitet.

Die Lunge ist im Fetalleben (2. und 3. Trimenon) nicht kollabiert, sondern mit Alveolarsekret gefüllt. Die von den kindlichen Lungen produzierte Flüssigkeit wird durch seine Atembewegungen in das Fruchtwasser abgegeben.

Unmittelbar nach der Geburt muss das Neugeborene schlagartig seine eigenen Lungen benutzen, die während der Schwangerschaft erst spät für diesen Vorgang reifen.

1.) Verschluss des Ductus arteriosus
Durch die Belüftung der Lungen nach der Geburt sinkt der Widerstand der Lungengefäße. Das Herz pumpt Blut in den Lungenkreislauf. Die Lungen und die Lungenbläschen entfalten sich. Der Lungenkreislauf tritt in Funktion und die Zunahme des venösen Blutes im linken Herz sind wichtige Faktoren, die zum Verschluss der Verbindung zwischen Lungen- und Körperkreislauf beitragen.

Es steigt außerdem der Sauerstoffgehalt im kindlichen Blut und mit dem Wegfall des Einflusses der mütterlichen Plazenta kommt es zu einer Kontraktion der glatten Muskulatur im Ductus selbst. Das wiederum führt zu einem funktionellen Verschluss innerhalb von etwa drei Tagen nach der Geburt.

Durch eine Intimavermehrung im ersten Lebensjahr verschließt sich der Ductus arteriosus endgültig. Zurück bleibt ein dünner Bindegewebsstrang, das Ligamentum arteriosum*.

2.) Verschmelzen des Vorhofseptums
Mit Eröffnung des Lungenkreislaufs erhöht sich der Druck des linken Vorhofs. Durch den veränderten Druckgradienten verschmelzen die zwei Blätter der Herzscheidewand zu einem Septum.

3.) Der Ductus venosus (Arantii)
Dieses Gefäß verbindet die Nabelvene direkt mit der unteren Hohlvene. Es sorgt dafür, dass das frisch über die Nabelschnur eintreffende, sehr sauerstoffreiche Blut an der Leber vorbei direkt zum Herzen transportiert wird. So gelangt der meiste Sauerstoff direkt in die Aorta und damit zum Gehirn.
Der Ductus venosus verhält sich wie eine biologische Staudüse. Er besitzt an seinem Ursprung aus der Nabelvene eine trichterförmige Engstelle. Der sogenannte Jet-Effekt beschleunigt das Blut auf das 5 bis sechsfache. Dieser schnelle Blutstrahl schießt durch die untere Hohlvene direkt in den rechten Vorhof des Herzens. Der Strahl trifft exakt auf eine Gewebekante im Vorhof und wird direkt durch das Foramen ovale in den linken Vorhof geleitet. Von dort pumpt das linke Herz das sauerstoffreichste Blut bevorzugt in den Herzmuskel und in das Gehirn.
Wegen seiner hohen kinetischen Energie vermischt sich dieses sauerstoffreiche Nabelvenenblut kaum mit dem langsameren, sauerstoffarmen Blut aus dem fetalen Körperkreislauf.
Mit zunehmender Stoffwechselaktivität der Leber selbst verringert sich die Weichen- und Trichterfunktion des Ductus venosus.

Zu 3.) Der Ductus venosus
Der Ductus venosus ist kein starres Rohr, sondern ein aktiv regulierbares Gefäß. Seine Wand enthält glatte Muskelzellen, die auf Sauerstoffmangel und Stresshormone reagieren: Droht dem Fötus ein Sauerstoffmangel (z. B. bei einer Plazentainsuffizienz), erweitern Stickstoffmonoxid und Prostaglandine den Ductus. Dadurch erhöht sich der Anteil an Umgehungsblut schlagartig auf bis zu 70%. So kann das Gehirn des Kindes selbst bei schwerem Sauerstoffmangel im Mutterleib so lange wie möglich geschützt („Brain-Sparing-Effekt“) werden. Zum Vergleich: Um die 20. Schwangerschaftswoche liegt der Anteil durchschnittlich bei 30% des Nabelschnurblutes, bis zur 32. Woche sinkt dieser Anteil auf durchschnittlich ca. 18%.

Zusammengefasst
Mit dem ersten Atemzug des Neugeborenen verändert sich das System schlagartig:
1. Die Lungen entfalten sich, der Gefäßwiderstand in der Lunge sinkt drastisch und Blut strömt hinein.
2. Durch das Abnabeln fällt der Blutfluss aus der Plazenta weg.
3. Die Druckverhältnisse im Herzen kehren sich um (links ist der Druck nun höher als rechts), wodurch sich das Foramen ovale wie eine Ventilklappe schließt.
4. Der steigende Sauerstoffgehalt im Blut signalisiert dem Ductus arteriosus und dem Ductus venosus, sich zusammenzuziehen und in den folgenden Tagen dauerhaft zu verschließen. Aus den ehemaligen Gefäßen werden feste Bindegewebsstränge.

Zu 4.) Bindegewebsumbau
Gerade bei Kindern nach stressbeladenen Geburten beobachte ich in der Palpation genau in diesen Strukturen hohe Spannung. Mir wird klar, dass ein solcher Prozess einen Abdruck im Gewebe hinterlässt. Dem wird weiter nachgegangen …


* In der osteopathischen Betrachtungsweise finden wir dessen Projektion im ersten Zwischenrippenraum links neben dem Brustbein.

Beitragsbild von BruceBlaus Blausen.com staff (2014). „Medical gallery of Blausen Medical 2014“. WikiJournal of Medicine 1 (2). DOI:10.15347/wjm/2014.010. ISSN 2002-4436. – eigene Arbeit

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